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treffe ich auf ein depressives Land: erschöpft, niedergeschlagen, ohne spürbaren Aufbruch. Politik und Medien haben mit ihrer jahrelangen Themensetzung eine Diskurs-Parallelwelt geschaffen, die sich immer weiter von der Lebensrealität vieler Menschen entfernt hat – und das rächt sich jetzt.Ankommen. Passkontrolle. Ein freundliches „Hallo“. Und ich blicke in ein trauriges, niedergeschlagenes Gesicht. Nicht unhöflich, nicht abweisend – aber leer, erschöpft, angespannt. Es ist der Anfang des neuen Jahres, ein Flughafen in Deutschland. Ich komme aus dem Süden, voller Eindrücke, guter wie schlechter. Wärme, Erinnerungen an Begegnungen und Bilder bringe ich mit. Doch schon in diesen ersten Minuten spüre ich etwas, das mich zutiefst irritiert: eine niederschmetternde Niedergeschlagenheit.

Danach Taxi. U-Bahn. Supermarktkasse. Immer wieder dasselbe. Kurze Begegnungen, flüchtige Blicke, sachliche Worte – und überall diese Schwere. Als wäre sie Teil der Infrastruktur. Als würde sie mittransportiert, von Ort zu Ort, von Gesicht zu Gesicht. Es ist kein einzelner Moment. Es ist ein Eindruck, der sich verdichtet. Es ist normal.

Ich war in den vergangenen Monaten in Israel, Italien, Frankreich, Spanien, Island, den Vereinigten Arabischen Emiraten. Länder, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Unterschiedliche Kulturen, Konflikte, Klimazonen, politische Systeme. Und doch verbindet sie etwas, das mir bei meiner Rückkehr nach Deutschland schmerzhaft auffällt: eine spürbare Lebendigkeit. Ein Grundton von Bewegung, von Energie, von Zugewandtheit zum Leben. Und dann lande ich hier – und es fühlt sich an wie die Rückkehr in ein depressives Land.

Damit meine ich nicht, dass hier alles schlecht ist. Im Gegenteil. Aber die allgemeine Stimmung ist schwer. Gedämpft. Als würde permanent ein leiser Moll-Akkord mitschwingen. Die Gesichter sind ernst, die Gespräche schnell problemorientiert, der Blick oft nach unten gerichtet. Kaum bin ich zurück, dreht sich alles um das, was nicht funktioniert: die Politik, die Wirtschaft, die Bürokratie, die Zukunft. Selbst kleine Begegnungen wirken angespannt, als stünde man kollektiv unter Dauerstrom.

In Israel etwa, einem Land, das objektiv in permanenter Bedrohung lebt, habe ich etwas anderes erlebt: eine fast trotzig wirkende Intensität des Lebens. Diskussionen sind laut, emotional, widersprüchlich – aber sie sind lebendig.

In Italien und Spanien, Länder, in denen weiß Gott auch nicht alles Gold ist: Leichtigkeit, Körperlichkeit, soziale Nähe.

In Frankreich Streitlust, Stolz, intellektuelle Reibung.

In Island eine stille, aber tiefe Gelassenheit.

In den VAE ein fast übertriebener Zukunfts Optimismus, der an manchen Stellen irritiert, aber eines klar macht: Dort glaubt man daran, dass Gestaltung möglich ist.

Und dann Deutschland. Ein Land, das sich anfühlt, als sei es erschöpft von sich selbst. Als habe es verlernt, an Aufbruch zu glauben. Die permanente Selbstkritik, einst vielleicht eine Stärke, wirkt inzwischen selbstzerstörerisch. Alles wird sofort relativiert, problematisiert, zerlegt. Fortschritt wird misstrauisch beäugt, Veränderung als Risiko begriffen, nicht als Chance. Wer optimistisch ist, gilt schnell als naiv. Wer etwas wagt, muss sich rechtfertigen.

Ein Teil dieser Stimmung hat sicherlich mit der Art zu tun, wie Politik und Medien in den letzten Jahren Themen gesetzt haben. Klimawandel, der Aufstieg der Rechten, Identitätspolitik, Umverteilung. Themen, die in einer Weise verhandelt wurden, die eine eigene Parallelwelt geschaffen hat. Eine Welt der permanenten moralischen Alarmierung, der zugespitzten Narrative, der symbolischen Stellvertreterdebatten. Eine Welt, die sich immer weiter von der konkreten Lebensrealität vieler Menschen entfernt hat.

Während dort über Begriffe, Haltungen und Deutungen gestritten wird, kämpfen Menschen hier mit steigenden Preisen, maroder Infrastruktur, überlasteten Behörden, fehlender Planungssicherheit. Während große Teile des öffentlichen Diskurses um moralische Positionierung kreisen, fehlt vielen das Gefühl, dass sich jemand ernsthaft um Funktionalität, Alltagstauglichkeit und Zukunftsfähigkeit kümmert. Diese Diskrepanz erzeugt Frust. Und irgendwann Resignation. So entsteht ein öffentlicher Raum, der laut ist, aber schmal – und viele innerlich ausschließt.

Was mich besonders irritiert: Diese Stimmung scheint kaum noch hinterfragt zu werden. Sie ist Normalität geworden. Pessimismus gilt als Realismus. Hoffnung als Verdacht. Dabei ist genau das fatal. Denn Stimmung ist nicht nebensächlich – sie prägt Entscheidungen, Mut, Innovationskraft, gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein Land, das innerlich resigniert, verliert nicht nur wirtschaftlich, sondern kulturell und emotional.

Und doch stehe ich am Ende ratlos da. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Man kann Zuversicht nicht verordnen. Man kann Lebensfreude nicht per Gesetz beschließen. Vielleicht beginnt es im Kleinen: im Tonfall, im Umgang miteinander, im Mut, auch einmal nicht sofort das Haar in der Suppe zu suchen. Vielleicht braucht es neue Narrative, neue Vorbilder, neue Formen von Gemeinschaft. Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass Kritik und Zuversicht keine Gegensätze sind.


Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich Deutschland im Moment anfühlt wie ein Land, das vergessen hat, wie sich Aufbruch anfühlt. Und dass das, nach allem, was dieses Land kann und war, unendlich schade ist.


 Gez. Constantin Schreiber (* 14. Juni 1979 in Cuxhaven) ist ein deutscher Journalist, Nachrichtensprecher, Sachbuchautor und Schriftsteller. Bis Mai 2025 war er bei ARD-aktuell tätig und moderierte Ausgaben der Tagesschau, des Nachtmagazins (bis 2022), der Tagesschau-Nachrichten bei tagesschau24 und Nachrichten in den Tagesthemen. Von 2021 bis 2025 sprach Schreiber die Hauptausgabe der Tagesschau um 20 Uhr. Für die Moderation der deutsch-arabischen n-tv-Sendung Marhaba – Ankommen in Deutschland wurde er im Jahr 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Warum Spanien ?

Das spanische Lebensgefühl wird durch Geselligkeit, Leidenschaft und eine entspannte Haltung gegenüber dem Alltag geprägt, die sich in langen Mahlzeiten, lebhaften Gesprächen und der Wertschätzung für Sonne und gutes Essen widerspiegelt. Dazu gehören der soziale Zusammenhalt, oft in großen Familien, und Traditionen wie die Siesta, das späte Essen und der abendliche Spaziergang (Paseo). Die Kultur ist lebhaft und temperamentvoll, was sich in der oft als laut empfundenen, aber leidenschaftlichen Art der Kommunikation zeigt. 

Zentrale Aspekte des spanischen Lebensgefühls

Geselligkeit: Spanier legen großen Wert auf soziale Kontakte, entweder in der Familie oder mit Freunden. Mahlzeiten sind oft gesellige Ereignisse, bei denen geteilt und zusammen geredet wird.

Essen und Trinken: Das Essen ist ein wichtiger Teil des Lebens. Es wird oft bis spät in die Nacht gegessen, und Tapas sind eine beliebte Möglichkeit, gemeinsam zu essen und zu trinken. Kaffee wird genossen, oft mit langen Gesprächen verbunden.

Entspannung und „Paseo“: Die Siesta ist eine bekannte Tradition, die eine Pause am Nachmittag ermöglicht, besonders in kleineren Orten. Der abendliche Spaziergang, der „Paseo“, ist eine beliebte Art, den Abend entspannt mit Familie oder Freunden zu verbringen.

Temperament und Leidenschaft: Die Kommunikation ist oft laut, gestenreich und leidenschaftlich. Dies wird als Ausdruck von Lebensfreude und nicht als Streit interpretiert.

Flexibilität: Eine gewisse Flexibilität im Denken und Handeln, manchmal als „Mañana“-Mentalität bezeichnet, hilft dabei, mit unerwarteten Ereignissen gelassener umzugehen.

Fokus auf Familie: Der Familienzusammenhalt ist sehr stark. Ältere Familienmitglieder werden oft aktiv in das Familienleben einbezogen.

Draußen leben: Das Leben findet häufig im Freien statt, sei es auf den Straßen, Märkten oder in Cafés. Ein lebhaftes Treiben ist oft bis spät in den Abend zu beobachten.